Vom Learning Center in die ganze Region

Warum wir in Khnar neue Wege gehen und dadurch mehr Kinder erreichen

Nach fast zehn Jahren schliessen wir unser Learning Center im Dorf Khnar. Das ist ein bedeutender Schritt und er fällt uns nicht leicht. Zugleich ist es ein Aufbruch und eine Chance. Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation, der Ponheary Ly Foundation, erweitern wir unsere Reichweite im Distrikt Banteay Srei und bringen unsere Bildungsprogramme ab dem neuen Schuljahr im November 2026 zu deutlich mehr Kindern und Jugendlichen. Wie es dazu kam und was das für die Kinder in Khnar bedeutet, erzählen wir nachfolgend.

Wir haben in den letzten Jahren viel dazugelernt und darauf bauen wir jetzt auf. Im Distrikt Banteay Srei, weit über Khnar hinaus, gibt es zahlreiche motivierte Jugendliche, die genau die Unterstützung suchen, die wir bieten. Bereits im laufenden Schuljahr konnte unsere Partnerorganisation zusätzliche Stipendien an Jugendliche vergeben, die nicht aus dem Dorf Khnar stammen. Über eine Zusammenarbeit mit einer lokalen Organisation haben wir zudem Computerklassen für weitere Schülerinnen und Schüler aus der Region geöffnet. Die Nachfrage war so hoch, dass für uns klar wurde, hier können wir viel bewirken. Deshalb öffnen wir unsere Programme neu für die ganze Region und für Jugendliche aus anderen weiterführenden Schulen.

Vom Dorf in die Region: Bisher wirkten wir rund um das Khnar Dorf (schwarzer Kreis), ab November 2026 erreichen wir den ganzen grün markierten Bereich im Distrikt Banteay Srei.

So gestalten wir die Unterstützung ab November 2026

Mobile Bibliotheken. In unseren beiden Bibliotheken im Khnar Village Learning Center war der Lesehunger der Kinder enorm. Wie viel sie bewirken, zeigen unsere Zahlen. Im Khmer-Sprachtest steigerten sich die Kinder von durchschnittlich 27 auf 57 von 100 Punkten, und wer die Bibliothek besuchte, brach die Schule deutlich seltener ab. Mit dem Center schliessen auch die beiden Bibliotheken, doch diesen Erfolg bringen wir jetzt direkt in die Dörfer. Unsere erste mobile Bibliothek für Primarschulkinder ist in Vorbereitung, ein zweites Fahrzeug für ältere Jugendliche und die Dorfgemeinschaft folgt. Beide fahren verschiedene Orte in der Region an, sodass die Bücher regelmässig dorthin kommen, wo die Kinder sind. Unsere Bibliothekarin Chenda leitet dieses Programm.

Computerkenntnisse. Der Umgang mit dem Computer ist für die Zukunft der Jugendlichen entscheidend, in der Ausbildung wie im Beruf. Im vergangenen Jahr haben wir die Grundlage für eine Zusammenarbeit mit einer lokalen Organisation gelegt und dürfen deren Computerräume nutzen. So können mehr Jugendliche einen Computerkurs besuchen als bisher. Unsere Lehrerin Pich leitet dort bereits die ersten Kurse.

Workshops. Vieles, was für den Alltag wichtig ist, lernen die Kinder weder zu Hause noch in der öffentlichen Schule. Diese Lücke füllen unsere Workshops, altersgerecht abgestuft. Bei den Jüngeren geht es um Gesundheit, Hygiene und Ernährung, bei den Älteren darum, sich Ziele zu setzen, mit Geld umzugehen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Ältere Jugendliche besuchen ihre Kurse in unserem Learning Center in Siem Reap. Dort treffen sie Gleichaltrige aus anderen Dörfern und Schulen, was ihr Selbstvertrauen zusätzlich stärkt. Die Workshops für jüngere Kinder verbinden wir mit dem Angebot der mobilen Bibliothek.

Nahrungsmittelhilfe. Ernährungsunsicherheit bleibt für viele Familien in der Region eine reale Belastung. Wir setzen die Nahrungsmittelhilfe deshalb gezielt für die am stärksten betroffenen Familien fort, mit besonderem Augenmerk auf Stipendiatinnen und Stipendiaten. So müssen sie neben der Schule keine Arbeit suchen, um ihre Familie zu unterstützen, und können sich auf ihren Abschluss konzentrieren.

Stipendien für die Berufsausbildung und Universität. Bisher waren unsere Stipendien Jugendlichen aus dem Einzugsgebiet von Khnar vorbehalten. Neu können sich Jugendliche aus der ganzen Region um ein Stipendium für eine Berufsausbildung oder ein Universitätsstudium bewerben. Mit einem Abschluss können sie später selbst für sich und ihre Familie sorgen.

Der Computerunterricht läuft bereits: Dank der Zusammenarbeit mit einer lokalen Organisation können seit diesem Schuljahr mehr Jugendliche einen Kurs bei unserer Lehrerin Pich besuchen.

Warum wir diesen Schritt gehen

Wer uns kennt, weiss, dass wir die uns anvertrauten Spenden einsetzen wie unsere eigenen Mittel. Uns geht es darum, möglichst vielen Kindern und Jugendlichen eine selbstbestimmte Zukunft zu eröffnen.

Im Khnar Village Learning Center haben wir seit 2017 zusätzlichen Unterricht angeboten. Über viele Jahre haben wir Kinder aus der Primarschule Khnar begleitet und ihnen den Weg in die weiterführende Schule und zu Stipendien geebnet. Dieses Modell war so erfolgreich, dass wir es an weiteren Standorten übernommen haben.

Seit der Pandemie beobachten wir in Khnar allerdings eine besorgniserregende Entwicklung. Immer mehr Kinder brechen die Schule ab. Der Grund liegt vorwiegend in der öffentlichen Schule. Sie hat über die Jahre an Qualität verloren, aus Gründen, die ausserhalb unseres Einflusses liegen. Viele Kinder kommen ab der 4. Klasse zu uns ins Learning Center, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Dieses fehlende Fundament können wir mit ergänzendem Unterricht zwar mildern, aber nicht ersetzen. Die Folgen zeigen sich später deutlich. Wer in die Sekundarstufe kommt und kaum lesen und schreiben kann, bricht die Schule oft ab, besonders die Buben. Wie gross der Rückstand ist, zeigt der Eintrittstest für die 4. Klasse, der in diesem Jahr so schwach ausfiel wie noch nie, nur zwei von vierzig Kindern haben ihn bestanden. Am Ende schaffen in Khnar nur 34 Prozent der Jugendlichen die Abschlussprüfung der 12. Klasse.

An unseren anderen Standorten sehen wir, dass unser Ansatz mit den Learning Centern wirkt. In den weit abgelegeneren Dörfern Romchek und Koh Ker bestehen fast 90 Prozent die Abschlussprüfung, obwohl unsere Zusatzklassen dort erst ab der 7. Klasse starten. Gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft haben wir in Khnar vieles versucht, von zusätzlicher Leseförderung über eine engere Begleitung der Mittelstufe bis zu Hausbesuchen des Dorfvorstehers bei den Familien. Einzelnes hat geholfen, doch die entscheidenden Bedingungen können wir vor Ort nicht verändern.

Eine direkte Zusammenarbeit mit der öffentlichen Schule war nicht möglich. Das ist keine neue Erfahrung. Schon 2017 mussten wir unsere Unterstützung dort einstellen, weil die Rahmenbedingungen es nicht zuliessen. Damals ist aus einer schwierigen Situation etwas Gutes gewachsen. Wir haben neue Wege gesucht und wenige Monate später das Khnar Village Learning Center eröffnet, das über viele Jahre erfolgreich war. Diese Erfahrung gibt uns heute die Zuversicht, erneut einen mutigen Schritt zu wagen.

Der Mietvertrag für das Learning Center läuft Ende Jahr aus. Diesen Zeitpunkt nutzen wir, um unsere Mittel neu und wirkungsvoller auszurichten. Wir setzen sie etwas weniger im Primarbereich ein, dafür gezielt bei jenen Jugendlichen, die kurz vor dem Schul- oder Berufsabschluss die entscheidende Unterstützung brauchen. Die motivierten Kinder in Khnar haben weiterhin Zugang zum neu ausgerichteten Programm und zugleich erreichen wir viele weitere in der Region. Unsere anderen Learning Center sind erfolgreich und laufen unverändert weiter.

Uns fällt es nicht leicht, das Learning Center aufzugeben. Es schmerzt zu sehen, dass es uns trotz aller Anstrengungen in Khnar nicht mehr gelingt, mehr Kinder zum Abschluss zu bringen. Genau darum aber geht es uns. Junge Menschen sollen eine Ausbildung abschliessen und danach selbstbestimmt für sich und ihre Familie sorgen können. Im übrigen Distrikt Banteay Srei gibt es zahlreiche Jugendliche, die alles dafür geben, und sie wollen wir ab November 2026 unterstützen.

Kambodscha zählt rund 18 Millionen Menschen, fast ein Drittel davon ist jünger als 15 Jahre, und unzählige brauchen Unterstützung. Wir werden nie alle erreichen. Umso wichtiger ist es, dort zu wirken, wo wir am meisten bewegen. Das neue Schuljahr wird uns zeigen, was gut funktioniert und was wir anpassen müssen. Wir haben stets gut zugehört, was die Menschen vor Ort brauchen, und sind nie mit fertigen Ideen angerückt. Dieser Weg hat sich bewährt und wir gehen ihn weiter.

Unsere erste mobile Bibliothek entsteht gerade in einer lokalen Werkstatt. Das Fahrzeug wird ausgebaut, damit es bald Bücher direkt in die Dörfer bringen kann.

Ein Aufbruch, auf den wir uns freuen

Bisher waren unsere Mittel an einen festen Ort und an die Kinder eines einzelnen Einzugsgebiets gebunden. Künftig setzen wir sie über die ganze Region verteilt ein. Mit demselben Budget erreichen wir dadurch mehr Jugendliche. Statt zu warten, bis die Kinder den Weg zu uns ins Center finden, gehen wir zu ihnen und können dadurch mehr Kinder auf dem Land unterstützen.

Unser Ziel bleibt dasselbe: Wir ermöglichen jungen Menschen den Zugang zu Bildung, damit sie selbstbestimmt für sich und ihre Familie sorgen können. 

Wir sind sehr gespannt auf dieses neue Kapitel und von Herzen dankbar, dass Du uns auf diesem Weg begleitest.