„Was haben die Jahre 1977, 1999, 2025 und 2026 für mich gemeinsam? Jedes Jahr war geprägt von Siem Reap. 1977 las ich zum ersten Mal in einem Reisemagazin über die Tempel von Siem Reap. Schnell war klar, diese Tempel muss ich sehen. Es vergingen 22 Jahre bis ich endlich auf Tempelentdeckungstour gehen konnte.
2025 fragte mich eine Freundin, ob ich sie zu einem kambodschanischen Kochabend begleite. Neben dem Schnipseln und anschliessendem Geniessen des Essens, informierte Claudia über die Projekte, die die Stiftung Eyes Open in Kambodscha unterstützt. Im Februar 2026 brach ich zu meiner 6,5 monatigen Reise durch Südostasien auf. Sofort war klar, Siem Reap stand erneut auf dem Programm, dieses Mal aber nicht nur die Tempel. Claudia organisierte für mich Kontakte. Eine Taxifahrerin führte mich vom Flughafen in ein von Frauen geführtes, komfortables Hotel. Ich wurde sofort herzlich aufgenommen. Claudia verschaffte mir auch den Kontakt zu Lori Carlson, Mitgründerin der Ponheary Ly Foundation, die Partnerorganisation der Stiftung Eyes Open.
Die Begegnung mit Lori fühlte sich für mich an, als würde ich eine langjährige Freundin treffen. Ich fand sie auf Anhieb sympathisch. Sie begleitete mich 3 Tage lang zu verschiedenen Projekten. Während den langen Tuk Tuk-Fahrten stellte sie mir die Projekte vor und erzählte aus ihrem Leben – alles äusserst spannend.
Als erstes fuhren wir zum Siem Reap Learning Center. Unter einem schattenspendenden Zeltdach sassen sich an langen Tischen Schülerinnen und Schüler gegenüber. Konzentriert schoben sie Figuren auf dem Schachbrett in die richtigen Positionen. Ein Lächeln auf dem Gesicht verriet, welches Kind die Partie gewonnen hatte. Aus allen Schulprojekten sind Kinder angereist, um sich im Schachspielen zu messen. Schachspielen fördert kognitive Kompetenzen und bietet einen Ausgleich zum Schulunterricht. Die Schachclubs sind sehr beliebt.
Im Hauptgebäude vom Siem Reap Learning Center wurden zeitgleich Zertifikate fürs Absolvieren der Computerkursen verteilt. Stolze Jugendliche stellten sich fürs Abschlussfoto in Pose. Eine Frau erhielt ganze fünf Zertifikate.
Trotz Festivitäten arbeiteten Schülerinnen und Schüler intensiv an verschiedenen Computer-Programmen. Die Lehrerin half unterstützend mit. Sie hat ein Programm entwickelt, das jedem Jugendlichen ermöglicht, nach eigenen Tempo und Wissensstand zu arbeiten.
Sauberes Trinkwasser, Hygiene, Mahlzeiten
Mein nächster Besuch führte ins 120km entfernte Koh Ker. Hände einseifen und schrubben. Die Kinder sind bestens geschult. Hygiene und sauberes Trinkwasser haben die Krankheitskosten auf ein Minimum reduziert. Gelder, die zu Beginn der Projekte in solche Kosten investiert wurden, können nun anderweitig verwendet werden.
Viele Familien in Kambodscha sind sehr arm. Die Kinder in die Schule zu schicken, heisst, dass diese bei der Feldarbeit fehlen. Regelmässige Schulmahlzeiten motivieren Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Die Schülerinnen und Schüler bringen kleine Plastiksäcke mit zur Schule und nachdem sie sich verpflegt haben, dürfen sie Reste mit nach Hause nehmen.
Zusammen mit Lori schnipselte ich Kohl und Kräuter fürs Essen. Zwanzig oder sogar mehr Kohlköpfe lagen bereit zur Verarbeitung. Innert kürzester Zeit habe ich mit einem scharfen Messer einen meiner Finger zum Bluten gebracht. Während ich verpflastert wurde, haben fleissige Mädchenhände alle Kohlköpfe und die Kräuter klein geschnitten. In riesigen Töpfen über offenem Feuer wurden Nudeln gekocht, Fleisch angebraten und das Gemüse beigefügt. Die Mahlzeit schmeckte ausgezeichnet. Die Nudeln stammen aus einer kleinen Manufaktur in der Gegend, die eine Frau zusammen mit ihrem Bruder betreibt. Ihr Einkommen ermöglicht unter anderem, dass ihre beiden Töchter in Phnom Penh studieren können.
Lori erzählte mir von einer Aktion aus der Anfangszeit ihrer Arbeit, bei der Schulmaterial an Kinder verteilt werden konnte. Es gab damals aber nicht genug für alle. Auf die Frage von Lori, wer denn nun das Material erhalten solle, antwortete Ponheary «Die Ärmsten». Aber wie findet man heraus, wer am ärmsten ist, für Lori ein unlösbares Rätsel. Ponheary hatte die Lösung. Sie fragte die Kinder «Wer hat heute Morgen gefrühstückt?» Alle die bejahten, fielen aus der Auswahl. Die nächste Frage lautete «Wer erhielt gestern ein Abendessen?» Auch diejenigen wurden nicht berücksichtigt. Übrig blieben rund die Hälfte aller anwesenden Kinder, sie erhielten das Schulmaterial. Sie waren nicht nur arm, sondern mussten auch hungrig aus dem Haus. Zum Glück konnten kurz darauf aber auch an alle anderen Kinder Schulmaterial verteilt werden.
Starke Frauen
Hinter all diesen grossartigen Bemühungen stecken starke Frauen, allen voran Ponheary Ly, Lori Carlson und Claudia Komminoth.
Ponheary Ly erlebte die Zeit der Khmer Rouge. Das Regime unter Pol Pot führte ein totalitäres kommunistisches Agrarsystem ein. Akademiker, darunter auch viele Lehrer, wurden in dieser Zeit inhaftiert oder gar getötet, da-runter auch Verwandte und Bekannte von Ponheary. Betroffen von diesen Greueltaten, wollte Ponheary die Bildung fördern. Lori kam auf der Suche nach einer Institution, die sie finanziell unterstützen konnte nach Kambodscha. Sowohl Lori wie auch Claudia wohnten im Guesthouse der Familie von Ponheary, lernten sie kennen und entschieden, sich für die Menschen in Kambodscha einzusetzen. Lori gab ihr altes Leben in Amerika auf, verkaufte alles, zog vor 20 Jahren nach Siem Reap und arbeitete fortan für die Stiftung. Claudia gründete in der Schweiz die Stiftung Eyes Open, die mit der Ponheary Ly Stiftung zusammenarbeitet. Neben den drei starken Frauen, gibt es viele weitere Mitarbeitende, die zum Wohl der Stiftungen arbeiten. Sie ermöglichen ein wunderbares Förderprogramm für die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen.
Ich danke allen für ihren Einsatz und bin zutiefst beeindruckt von ihrer Arbeit und den Erfolgen. Schön, durfte ich Einblick in die Projekte nehmen. Herzlichen Dank allen, die das ermöglicht haben.“




