15 Jahre HAVEN: Ein Gespräch über Wurzeln, Wandel und stille Wunder
Seit über einem Jahrzehnt sind Sara und Paul Wallimann vom HAVEN in Siem Reap enge Freunde und Weggefährten von Eyes Open. Ihr Ausbildungsrestaurant ist weit mehr als ein Ort, an dem junge Menschen ein Handwerk lernen. Es ist ein sicherer Zufluchtsort und eine Familie, in der viele zum ersten Mal spüren, wozu sie fähig sind.
Vor fünf Jahren haben wir mitten in der Pandemie schon einmal mit den beiden gesprochen, damals über ein fast menschenleeres Siem Reap und die Frage, wie HAVEN diese Zeit überstehen würde (hier nachzulesen).
Heute, zum 15-jährigen Jubiläum, knüpfen wir dort an. Wir haben mit Sara und Paul über ihren Weg gesprochen. Über die stillen Pandemiejahre, die sie zusammengeschweisst haben, über eine Stadt, die ihre Tempel und Plätze zurückerobert hat, und über rund 200 junge Erwachsene, die bei HAVEN einen Beruf gelernt und Vertrauen in sich selbst gefasst haben. Ein Gespräch über Rückschläge und Resilienz, über Dankbarkeit und darüber, warum die grösste Freude oft in den leisen Veränderungen liegt.
Vor fünf Jahren habt ihr Euer 10-jähriges Jubiläum mitten in der Pandemie in einem fast menschenleeren Siem Reap verbracht. Wie blickt ihr heute auf diese Zeit zurück?
Mit einer tiefen, fast stillen Dankbarkeit. Natürlich war diese Zeit geprägt von unbeschreiblichen Sorgen, Ungewissheit und dem immensen Leid, das um uns herum herrschte. Das vergessen wir keinen einzigen Tag. Und trotzdem blicken wir heute auch mit Dankbarkeit auf diese Pandemie-Jahre im leeren Siem Reap zurück. Weil diese erzwungene Stille uns zusammengeschweisst hat. Sie hat uns gezeigt, was wirklich zählt, wenn alles Äussere wegfällt, und worauf unser Fundament gebaut ist: auf Vertrauen, Zusammenhalt und den Menschen an unserer Seite.
Damals wart ihr überzeugt, dass der Tourismus irgendwann zurückkommt und eure Lehrabgänger:innen dann gebraucht werden. Hat sich diese Hoffnung erfüllt?
Jein. Die Menschen sind zurückgekommen, aber der Tourismus hat sich verändert. Es hat sich bis heute kein echtes ‚Normal’eingependelt. Trotzdem konnten wir unsere Lehrabgänger wieder gut platzieren. Bis letztes Jahr. Seither schwanken die Besucherzahlen allerdings wieder stark, abhängig von globalen Krisen und regionalen Unruhen. Dieses Jahr ist es zum ersten Mal seit Covid wieder schwierig Stellen für die Abgänger zu finden, weil die Hotels momentan schlicht leer sind.
Und trotzdem erfüllt sich unsere Hoffnung im Kern immer wieder: Sobald sich die Lage auch nur leicht stabilisiert, sind es genau unsere Lernenden mit ihrer fundierten Ausbildung, die gesucht und gebraucht werden. Das gibt ihnen Stabilität und eine Perspektive, selbst wenn das Umfeld unruhig bleibt.

Was hat sich in Siem Reap seit dem Ende der Pandemie verändert und wo steht die Stadt heute?
Die Stadt ist schöner, geordneter und moderner geworden. Wer Siem Reap vor 2020 kannte, würde es heute auf den ersten Blick kaum wiedererkennen. Die ruhigen Jahre wurden genutzt, um die Infrastruktur grundlegend zu erneuern: Die Strasse wurden ausgebaut, Gehwege angelegt, der Flussbereich verschönert und die Stadt insgesamt viel grüner und geordneter gestaltet.
Die Veränderung, die mich aber persönlich am tiefsten berührt, ist allerdings etwas ganz anderes: Die Pandemie hat den Kambodschanern ihre eigene Stadt zurückgegeben. Orte – und allen voran die Tempel von Angkor –, an denen die lokale Bevölkerung früher durch den erdrückenden Massentourismus verdrängt worden war, gehören wieder ihnen. Man sieht heute viel mehr einheimische Familien, die an den Wochenenden zusammenkommen, picknicken und ihre eigenen Kulturstätten geniessen. Dieser Raum gehört wieder den Menschen, die hier zu Hause sind.
Dieses Jahr feiert ihr Euer 15-jähriges Jubiläum. Wenn ihr an den Moment des Starts zurückdenkt: Hätte Euch Euer heutiges Ich damals überrascht?
Überrascht? Auf eine Art ja, auf eine andere ganz bestimmt nicht. Das damalige Ich hatte unheimlich viel Tatendrang und eine klare Vision, aber natürlich auch all die Ungewissheiten, die am Anfang eines solchen Unterfangens stehen. Hätte man uns damals die Fotos, Geschichten und die vielen Menschen gezeigt, die heute Teil dieses Weges sind, wären wir wahrscheinlich tief berührt und einen Moment lang sprachlos gewesen.
Womit uns das heutige Ich aber überrascht hätte, ist weniger das Dass, sondern das Wie. Wie tief die Wurzeln geworden sind. Wie viel Resilienz gewachsen ist, wenn Dinge anders liefen als geplant. Und wie aus einer Idee eine lebendige Gemeinschaft entstanden ist, die jeden Tag trägt.

Was würdet ihr Eurem jüngeren Ich von 2011 mit auf den Weg geben?
Ehrlich gesagt: Nichts. Nicht, weil wir damals schon alles wussten, sondern weil alles, was passierte, einfach zum Prozess gehörte. Die wirklich schwierigen Zeiten, die Missverständnisse, wenn die Sprache fehlte, das dreimalige Neu-Anfangen, weil kulturelle Unterschiede eben eigene Gesetze haben, die Behördenwillkür, die Unberechenbarkeit und die Momente der Tränen, des Händeringens, des Suchens: Wir bereuen keinen einzigen Schritt davon.
Genau diese Herausforderungen haben uns geformt. Sie haben uns die Substanz und die Stärke gegeben, die wir brauchten, um diesen Weg zu gehen. Ohne sie wären wir heute nicht die Menschen, die diese Aufgabe auch nach 15 Jahren noch immer mit derselben Überzeugung und demselben Herzblut erfüllen können.
15 Jahre HAVEN: Worauf seid ihr besonders stolz, wenn ihr auf diesen Weg zurückschaut?
Auf die Menschen, die durch HAVEN ihre eigene Stärke entdeckt haben. Wir sind unglaublich stolz auf all unsere Trainees, die über die Jahre unser Ausbildungsprogramm absolviert haben. Viele von ihnen trugen riesige Unsicherheiten und schwere Rucksäcke mit sich. Zu sehen, wie sie im Laufe der Monate nicht nur ein Handwerk lernen, sondern Schritt für Schritt Vertrauen in sich selbst fassen, aufblühen und ihren eigenen Weg gehen – das ist und bleibt das grösste Geschenk.
Aber wir sind genauso stolz darauf, dass wir unseren Werten immer treu geblieben sind. Wir haben HAVEN nie nur als Business gesehen, sondern vor allem als ein sicherer Zufluchtsort für diese jungen Menschen und als eine echte Familie. Dass wir all die Stürme nicht nur überstanden haben, sondern als Gemeinschaft daran gewachsen sind, erfüllt uns mit einer sehr stillen, tiefen Dankbarkeit.

Wie sieht der Alltag im HAVEN heute aus, verglichen mit der Zeit vor Covid?
Er ist bewusster, flexibler und noch feinfühliger geworden. Vor Covid lief der Alltag im HAVEN oft in einem sehr festen, eingespielten Takt. Wir hatten volle Tische, eine verlässliche Saison und eine gewisse Planbarkeit. Heute ist der Rhythmus unvorhersehbarer. Es gibt Tage, an denen das Restaurant voller Leben ist, und Tage, an denen es so ruhig ist, dass man eine Grille zirpen hört. Wir mussten lernen, mit dieser Ungewissheit zu atmen, ohne dass sie uns den Boden unter den Füssen wegzieht.
Was sich im Kern verändert hat, ist unser Fokus im Ausbildungsalltag. Die Jugendlichen, die heute zu uns kommen, bringen nach den Pandemiejahren und den wirtschaftlich schweren Zeiten oft andere, manchmal noch komplexere Rucksäcke mit. Der Alltag im HAVEN verlangt von uns heute noch mehr Präsenz, Geduld und individuelles Eingehen auf den Einzelnen.
Die Grundstruktur ist dieselbe geblieben: Wir kochen, servieren, lernen und lachen zusammen. Aber die Haltung dahinter ist noch dankbarer geworden für jeden Tag, an dem wir unsere Türen öffnen und diesen sicheren Raum für unsere Lernenden halten können.
Wie viele junge Erwachsene habt ihr inzwischen ausgebildet und was macht Euch bei ihren Werdegängen am meisten Freude?
In den letzten 15 Jahren durften wir rund 200 junge Erwachsene auf ihrem Weg begleiten – und jede einzelne dieser Geschichten hat ihren eigenen Wert. Was uns bei ihren Werdegängen die grösste Freude macht, ist gar nicht unbedingt die Frage, wer es in die höchsten Positionen geschafft hat. Natürlich erfüllt es uns mit Stolz, wenn ehemalige Lernende heute selbst Führungspositionen in der Gastronomie innehaben oder als Ausbilder arbeiten.
Aber die tiefste Freude empfinden wir bei den leiseren Veränderungen: Wenn jemand, der am ersten Tag kaum den Blick heben oder ein Wort sprechen konnte, heute voller Selbstbewusstsein und aufrechtem Gang durchs Leben geht. Wenn wir sehen, wie sie gute Jobs besetzen und auch in schwierigen Zeiten halten können, wir sie eigene Familien gründen, ihre jüngeren Geschwister unterstützen und ihr Leben unabhängig und mit Würde gestalten.

Gibt es Geschichten von ehemaligen Lernenden, die Euch besonders berühren oder die zeigen, was HAVEN bewirken kann?
Es gibt so viele wunderbare Geschichten. Viele unserer Ehemaligen arbeiten heute als Köche:innen oder im Front of House in hervorragenden Restaurants oder Fünf-Sterne-Hotels und schenken täglich Gästen aus aller Welt schöne Momente.
Wenn wir aber heute eine einzelne Geschichte herausgreifen müssten, dann wäre es die von Srey Roth. Sie hat bei uns ursprünglich die Ausbildung im Service gemacht. Nach ihrem Abschluss konnte sie an die Universität gehen. Später arbeitete sie als Lehrerin hier in Siem Reap, danach bei einer renommierten NGO und heute unterrichtet sie an einer angesehenen internationalen Schule in Phnom Penh.
Damit nicht genug: Erst kürzlich hat sie das gesamtes Online-Trainingsprogramm für die Küche aus dem Englischen ins Khmer übersetzt, damit all unsere heutigen Trainees davon profitieren können. Und im Moment nimmt sie sogar an einem Austauschprogramm in Japan teil.
Wir stehen voller Bewunderung vor ihr und davor, was sie aus eigener Kraft erreicht hat. Alles, was sie damals brauchte, war diese eine Chance. Den Rest hat sie ganz allein geschafft. Solche Wege zeigen uns, was wirklich möglich ist, wenn man jungen Menschen das Vertrauen schenkt, das sie verdienen.
Wie erlebt ihr die Partnerschaft mit Eyes Open und was bedeutet sie für Eure Arbeit?
Es ist weit mehr als eine Partnerschaft – sie ist eine tiefe Freundschaft, die seit vielen, vielen Jahren besteht und auf gemeinsamen Werten, gegenseitigem Respekt und echter Verbundenheit aufgebaut ist.
Durch unsere Zusammenarbeit mit der Ponheary Ly Foundation dürfen wir immer wieder junge Menschen aus ihren Programmen bei uns aufnehmen und auf ihrem weiteren Weg begleiten. Dabei erleben wir hautnah, was Eyes Open vor Ort bewirkt und wie nachhaltig ihre Arbeit das Leben von Kindern und Jugendlichen verändert.
Was uns jedes Mal aufs Neue tief berührt, ist ihre unglaubliche Grosszügigkeit, die sie immer wieder auch auf uns und HAVEN ausweiten. Eyes Open ist für uns ein Wegbegleiter, auf den wir mit enormer Hochachtung blicken. Zu wissen, dass wir Freunde an unserer Seite haben, die unser Herzblut teilen und dieselbe Vision von einer würdevollen Zukunft für diese jungen Menschen tragen, gibt uns unheimlich viel Kraft.
Wo seht ihr HAVEN in fünf oder zehn Jahren?
Ganz ehrlich? Wir wissen es nicht. Wenn uns die letzten Jahre eines gelehrt haben, dann, dass sich die Welt und unsere Region viel zu schnell verändern für starre Fünf- oder Zehnjahrespläne. Wir leben in Zeiten, in denen wir kaum vorhersagen können, wie die nächste Saison aussieht.
Aber wir haben auch gelernt, dass genau darin unsere Stärke liegt: Wir planen nicht in fernen Visionen, sondern in Menschlichkeit und Flexibilität. Wo auch immer HAVEN in fünf oder zehn Jahren steht – unser Kompass bleibt derselbe.

Was wünscht ihr Euch für Eure Lernenden und für HAVEN und wie können Menschen in der Schweiz Euch dabei unterstützen?
Für unsere Trainees wünschen wir uns vor allem eines: dass sie mit dieser fundierten Berufsbildung ihre eigene Stärke erkennen und mit Selbstbewusstsein und Zuversicht in ihre selbstbestimmte Zukunft gehen.
Für HAVEN wünschen wir uns, das Modell von HAVEN so nachhaltig und stark aufzustellen, dass es in dieser sich ständig verändernden Welt ein verlässlicher Anker bleibt. HAVEN soll nicht nur ein Ort sein, an dem man ein Handwerk lernt, sondern ein lebendiger Beweis dafür, wie soziale Verantwortung, höchste Qualität und echte Menschlichkeit in der Gastronomie Hand in Hand gehen können.
Und wie man uns aus der Schweiz unterstützen kann? Zuallererst, indem man über uns redet, Freunden und Familie von uns erzählt und einfach “the word spreaded”. Ganz konkret hilft uns finanzielle Unterstützung. Wer unsere Arbeit begleiten möchte, kann das durch Spenden tun. Jede Unterstützung – ob einmalig oder kontinuierlich – gibt uns die Möglichkeit, den Jugendlichen eine Berufsbildung und ein echtes Auffangnetz zu bieten.
Und nicht zuletzt: Besucht uns! Wenn ihr nach Kambodscha reist, kommt vorbei, esst bei uns, erlebt die Herzlichkeit unserer Trainees und unserer HAVEN-Familie selbst und werdet Teil dieser Gemeinschaft. Das Vertrauen, das Gäste ihnen entgegenbringen, ist oft der grösste Baustein für ihr Selbstbewusstsein.
| Über HAVEN HAVEN ist ein Ausbildungsrestaurant und ein Sozialunternehmen für benachteiligte junge Erwachsene aus Organisationen und geschützten Unterkünften sowie für unterprivilegierte junge Erwachsene aus sehr armen ländlichen Gebieten. Neben einer hochwertigen Berufsausbildung in Küche und Service, vermittelt HAVEN wichtige Lebenskompetenzen und begleitet die jungen Menschen auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben. Wer HAVEN vor Ort erleben möchte, ist im tropischen Garten oder im traditionellen Khmer-Haus herzlich willkommen: havencambodia.com So kannst Du unterstützen Aus der Schweiz lässt sich HAVEN über den gemeinnützigen Förderverein Dragonfly unterstützen. Dragonfly trägt die Ausbildungsarbeit in Kambodscha und sorgt dafür, dass Spenden dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Jeder Beitrag, ob einmalig oder regelmässig, hilft den Lernenden zu einer fundierten Berufsbildung: dragonflycambodia.org |



