Dieser Text ist ein persönlicher Erfahrungsbericht von Claudia Komminoth, Gründerin und Präsidentin der Stiftung Eyes Open. Er spiegelt ihre Wahrnehmungen und Gedanken während der aktuellen Situation in Kambodscha wider. Es handelt sich nicht um eine Analyse der Situation. Claudia war seit dem 25. November 2025 in Kambodscha und ist wie geplant am 24. Dezember 2025 in die Schweiz zurückgekehrt.
„Der 8. Dezember 2025 war seit Wochen in meinem Kalender markiert: Feier der Stipendienvergabe 2025. Einer der besonderen Tage hier in Kambodscha. Wir feiern die jungen Menschen, die kurz vor ihrer Berufsausbildung oder ihrem Universitätsstudium stehen. Ihre Eltern sind dabei. Beim Blick auf die Familien zeigt sich, wie sich innerhalb einer Generation Lebensrealitäten verschieben können. Dass diese Jugendlichen nach ihrem Abschluss eigenständig für sich und ihre Familien sorgen können.
Ein besonderer Tag.
Am Morgen dieses 8. Dezembers begannen nach monatelanger Waffenruhe erneut Angriffe von Thailand auf Kambodscha. Während wir die Jugendlichen und ihre Eltern feierten, blickten wir immer wieder auf unsere Handys. Entlang der Grenze wurden Bomben abgeworfen. Familien mussten ihr Zuhause verlassen, von einem Moment auf den anderen, mit nichts als dem, was sie tragen konnten.
Und gleichzeitig feierten wir.
Am Nachmittag erhielten die Jugendlichen ihre Laptops. Die Bilder vom «Unboxing» werde ich nie vergessen. So viel Freude. So viel Staunen. Aufbruch. Ein Mädchen schaut mich an und flüstert: «I could never have dreamed of that.» Das hätte ich mir nie träumen können.
Am 8. Dezember begann eine Parallelwelt, die bis heute anhält.
Die ersten 24 Stunden war ich fast ununterbrochen am Handy, versuchte zu verstehen, was passiert. Und merkte schnell, wie viele falsche Nachrichten im Umlauf sind. Bilder und Videos, mit KI generiert. Wie soll eine Bevölkerung mit wenig Bildungshintergrund unterscheiden können, was echt ist und was nicht? Wie soll ich das?
Am 9. Dezember bin ich in Romchek, einem Dorf 65 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Menschen erzählen, dass sie die Bomben hören. Erste Familienangehörige sind getötet worden.
Am nächsten Morgen fliegt beim Frühstück ein Helikopter über meine Unterkunft. Ein Geräusch, das früher nichts bedeutet hätte. Heute stehe ich auf, schaue hinaus. Alles ruhig. Atmen. Geräusche werden von nun an anders wahrgenommen. Ich denke an geflüchtete Menschen in der Schweiz und frage mich, wie sie den Nationalfeiertag oder Silvester aushalten.
Die Flut an Nachrichten macht mich handlungsunfähig. Ich reduziere meine Bildschirmzeit in den sozialen Medien auf fünfzehn Minuten pro Tag.
Die Bombardierungen durch F-16 Jets hören nicht auf. Der Konflikt eskaliert entlang der gesamten Grenze, nicht mehr nur im Norden wie im Juli. Es ist ernster. Es zeigt sich ein Muster: Infrastruktur wird gezielt zerstört, Strassen, Brücken, militärische Anlagen. Die Versorgung Richtung Grenze wird gekappt.
Parallelwelten.
Hier, in meinem kleinen Mikrokosmos, ist im Moment alles in Ordnung. Ankommen. Atmen. Riechen. Hören. Dem Sonnenuntergang zuschauen. Den Schwalben, wie sie Insekten jagen. Atmen. Zusammen Eis essen. Lachen. Weinen. Atmen.
Innert weniger Tage sind hunderttausende Menschen auf der Flucht. Die Zahlen steigen auf über eine halbe Million. Mehr als eine halbe Million Menschen, die ihr Zuhause nur mit dem verlassen konnten, was sie in kürzester Zeit einpacken konnten.
Auf der Rückfahrt von Phnom Penh nach Siem Reap ziehen die Dörfer an mir vorbei. Kinder spielen draussen, Familien legen den Reis zum Trocken aus, der Alltag geht weiter.
Privilegien. Ein roter Pass. Eine Kreditkarte. Die Möglichkeit, jederzeit abzureisen. Warum kann ich das und all die Menschen, die ich liebe, nicht? Das Privileg eines Notausgangs. Zurück in ein Leben, in dem Geräusche einfach Geräusche sind. Atmen. Entscheiden zu bleiben. Die Situation ist kaum auszuhalten. Sie wäre es auch in der Schweiz nicht.
Bewusst unterwegs sein. Zuhören. Geschichten aushalten. Alle kennen Menschen, die auf der Flucht sind, kämpfen oder gestorben sind. Umarmen. Weinen. Atmen. Und wieder gemeinsam lachen. Resilienz bekommt eine andere Bedeutung. Wir schaffen bewusst Glücksmomente. Kleine Auszeiten. Im Moment sein. Farbe in dunkle Tage bringen. Wie an einem Abend mit einer Freundin als wir gemeinsam die Nägel lackierten. Während Freunde dazukommen, die gerade von der Beerdigung eines Soldaten zurückkehren. Parallelwelten.
Zu Beginn der Auseinandersetzungen wurde entlang der gesamten Grenze zu Thailand eine rote Zone von 50 Kilometern ins Landesinnere definiert. Viele Menschen aus dieser Zone sind geflohen. Bereits nach wenigen Tagen erfolgen Bombardierungen ausserhalb dieser Zone. Die zu Siem Reap nächstgelegene Bombardierung fand nur 70 Kilometer ausserhalb der Stadt statt. Wie bei vielen anderen Angriffen handelte es sich um ein strategisches Ziel, eine Brücke wurde zerstört. Trotzdem wird die Nähe zur Tourismusdestination unmittelbar spürbar. Gäste reisen ab oder stornieren ihre Aufenthalte. Das hat verheerende Auswirkungen auf die Einkommensmöglichkeiten der Menschen. Eigentlich wäre jetzt Hochsaison. Erst im letzten Jahr hat sich Kambodscha von den Nachwehen der Pandemie erholt und sich über steigende Gästezahlen freuen können. Nun ist es auf dem Markt, in den Restaurants und bei den Tempeln sehr ruhig. Zu ruhig.
Wir sprechen miteinander über Evakuierungspläne. Die «Was-wenn»-Frage liegt schwer und kaum aushaltbar zwischen uns. Wer hat bereits einen Pass, um ausreisen zu können? Ein neuer Pass kostet über USD 100. Eine ganze Familie damit auszustatten, ist für viele finanziell nicht möglich. Und wer einen Pass hat, wann geht man? Eine Frage, deren Antwort in der Luft hängen bleibt.
Sina hat vor über zehn Jahren «Där Himmel ob miär» geschrieben, in Gedanken an 50 Millionen Menschen auf der Flucht:
«Ich stehe hier, der Himmel über mir. Es ist nicht weit von mir bis zu Dir. Warum geht es Dir nicht wie mir? Es ist doch der gleiche Himmel, der über Dir.»
Ein Lied, das mir damals unter die Haut ging und heute schmerzlich genau ist. Parallelwelten. Privilegien.
Eine kambodschanische Freundin sagte kürzlich zu mir: «Ich weiss, dass Du Dir weiterhin grosse Sorgen um uns machen wirst, wenn Du in Dein Land zurückgekehrt bist.» Sie sprach diesen Satz aus dem Nichts heraus aus und brachte damit auf den Punkt, was mich seit Tagen sehr beschäftigt.
Am 24. Dezember kehre ich wie geplant in die Schweiz zurück und habe grossen Respekt davor. Die Situation vor Ort war kaum Thema in den Medien. Viele gehen davon aus, dass ich wieder einen wunderbaren Monat in meinem zweiten Zuhause verbracht habe. Ich spüre, dass ich nicht die Kraft haben werde, all das Erlebte zu erzählen. Es ist keine Geschichte, sondern eine neue Realität für die Menschen, die ich sehr gern habe. Meine Sorgen werden mich weiterhin täglich begleiten, auch wenn ich von einem friedlichen Alltag umgeben sein werde.
In Kambodscha leben wir alle mit diesen Parallelwelten. Wir geben jeden Tag unser Bestes, um im Moment zu bleiben. Wenn sich die Parallelwelten überlagern, entsteht Raum, um gemeinsam traurig zu sein, zu atmen, weiterzugehen und wieder zu lachen. Niemand will trösten oder erklären. Es ist ein kurzer Moment des Innehaltens, des bewussten Aushaltens von Trauer und Sorge. Und wir wissen alle, dass wir im Moment nichts anderes tun können.
In der Schweiz wird es anders sein. Der Alltag ging auch dort weiter. Eigene Herausforderungen, die Hektik des Jahresausklangs, die Vorfreude auf einige freie Tage. Ich respektiere diese Realität ebenso. Und ich habe nicht die Erwartung, dass vorstellbar ist, was wir in Kambodscha erleben.
Deshalb schreibe ich diese Zeilen. Vielleicht helfen sie ein wenig zu verstehen, wie sich unsere Welt seit dem 8. Dezember verändert hat. Und dass wir aus dieser nicht einfach aussteigen können. In Kambodscha nicht. Und ich auch nicht, wenn ich wieder in der Schweiz bin.
Was werde ich tun?
Weitermachen.
Weitermachen, wie es die Kambodschanerinnen und Kambodschaner jeden einzelnen Tag tun.
Und der Umgang mit den Privilegien? Akzeptieren. Dankbar sein. Wissen, dass ohne sie Eyes Open nie hätte gegründet werden können. Dass ohne sie in den letzten 13 Jahren nicht die Mittel hätten beschafft werden können, die unzähligen Menschen bessere Zukunftsperspektiven eröffnet haben. Und die auch heute ermöglichen, direkt und unmittelbar zu unterstützen.
Ich werde meinen Umgang mit all dem finden und danke dafür, dass ich Raum und Zeit dazu erhalte. Unseren Spenderinnen und Spendern danke ich herzlich für ihre langjährige Treue und dafür, dass sie auch in Zeiten wie diesen an unserer Seite stehen. Wir machen weiter.“
| Unsere Programme in Kambodscha laufen im Rahmen des Möglichen weiter. Im Gegensatz zum Juli sind grosse Organisationen vor Ort. Sie unterstützen die geflüchteten Menschen. Unsere Partnerorganisation Ponheary Ly Foundation hat mit allen Mitarbeitenden Evakuierungspläne für sie und ihre Angehörigen besprochen. Sollten Mittel benötigt werden, werden wir da sein. Nachtrag vom 27. Dezember 2025 Das heute unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen zwischen Kambodscha und Thailand ist ein Hoffnungsschimmer. Gleichzeitig wissen wir aus früheren gescheiterten Abkommen, wie fragil die Lage bleibt. Wir hoffen sehr, dass ein stabiler Frieden einkehrt und die rund 600’000 geflüchteten Menschen in ihr Zuhause zurückkehren können. |
